Als Bärbel Schäfer ihren Onkel einmal aufforderte, das „Nazigequatsche und seinen Rassismus“ für sich zu behalten, bekommt sie von ihm „eine geklatscht“. So schildert die Moderatorin in ihrem neuen Buch „Meine Nachmittage mit Eva. Über Leben nach Auschwitz“ eine Situation, als sie jung die Spurensuche in der eigenen Familie begann. „Die schwarzen Brunnen und Sackgassen, die dort schlummern, habe ich versucht erneut mit den Verwandten, die noch leben, anzuschauen. In meiner Familie waren schweigende Mitläufer, Parteimitglieder, und es gab einen Kommunisten, der in den Kriegsjahren aber abgetaucht ist“, berichtet die gebürtige Bremerin offen. Diese Vergangenheit zu beleuchten, das Schweigen aufzubrechen, sei schmerzhaft gewesen, „eine bewegende Reise“, und doch die Chance auf Klarheit: „Am Ende ist es ein Buch über Herzenswärme und Humanismus geworden.“

Auf mehr als 200 Seiten geht es um tiefe Gefühle, die von Bärbel Schäfer zu ihrem Ehemann Michel Friedman und den beiden gemeinsamen Söhnen, und um die Erinnerungen der 85-jährigen Frankfurterin Eva Szepesi , eine der letzten Frauen, die Auschwitz als Kind erlebt haben. Die Jüdin trägt noch heute eine tätowierte Nummer auf dem Unterarm. Das große Schweigen erfasste nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Opferfamilien. Fünf Jahrzehnte sprach Eva Szepesi kein Wort über das Erlebte, verkapselte das Grauen. Erst 2011 öffnete sie sich und schilderte das Unfassbare in einem Buch.

Über Monate traf Bärbel Schäfer jeden Mittwoch die alte Dame in ihrer Wohnung am Dornbusch, ließ sich berichten. Etwa als man ihr im Lager die Haare mit einem stumpfen Messer rasierte, zwölf Jahre alt war das Mädchen damals. Ihre Eltern sah sie nie wieder. „Während Eva mir das erzählt, halten wir uns an den Händen, weinen zusammen. Ihre Worte hängen in meinem Brustkorb“, schreibt Bärbel Schäfer über den engen Austausch. Einmal hatte die Autorin ihre Handschuhe im Auto vergessen, frierend klingelte sie an der Haustür. „Ich empfand Scham, da ich mich beklagte. Hatte Eva doch stundenlang im Winter ohne Handschuhe und barfuß in Holzpantinen bei Appellen ausharren müssen.“ Die Begegnung mit der Überlebenden habe bei ihr gleichsam „ein Fenster geöffnet“, die offene Spurensuche zu dokumentieren. „Meine noch lebenden Verwandten, insbesondere meine Mutter, wissen, was im Buch steht und haben ihr Einverständnis gegeben“, betont sie. Der Kontakt zu Eva Szepesi ist nach wie vor innig, sie sind Freundinnen geworden.

„Ich würde mir wünschen, das Buch regt die Leser zur eigenen Spurensuche an. Es geht darum, das Vergangene anzuschauen ohne anzuprangern und zu verfluchen. Vielleicht kann so Versöhnung gelingen“, erklärt Schäfer. Wenn Eva Szepesi vor Grundschülern erzählt und ihre Lagernummer zeigt, berichten Kinder manchmal, dass etwa der Vater ebenfalls Zahlen auf dem Arm tätowiert habe. „Das ist dann meist das Geburtsdatum des Kindes. „In diesem Alter verbindet man Tätowierungen mit etwas ganz anderem“, so die Autorin. Mit Blick auf das Ergebnis der Bundestagswahlen sieht sie die Aktualität. „Die Rechten sind in der bürgerlichen Mitte angekommen. Springerstiefel sind nicht mehr das Erkennungszeichen. Unser Wegschauen fängt sehr früh an, das war damals nicht anders.“

(fai)

Quelle: Frankfurter Neue Presse

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